Welche Stimme?

Es gibt ein neues Lied, welches zur Zeit ziemlich oft im Radio gespielt wird: „Hör auf die Stimme!…“. Das hat doch was! Leider finde ich das gar nicht so einfach, denn in mir ist es nun mal nicht nur eine Stimme, die da spricht, sondern es ist so wie in einer schlechten Talkshow: Alle quasseln durcheinander und hören sich nicht zu. Ich höre die Stimme meiner Eltern: „das geht schon mal gar nicht“, die Stimme der Vernunft: „mach bloß keinen Unsinn“, die Stimme meines Gewissens: “ tue endlich mal eine gute Tat“, die Stimme meines Egos: „du musst immer gut wegkommen, bei all dem, was Du tust“ oder „immer ich“ und noch viele andere Stimmen dazu, die alle wollen, das ich etwas tue oder lasse.

Dann ist da auch eine leisere Stimme, die sich nicht oft an der Diskussion beteiligt, die mir sagt, dass ich erst einmal gar nichts tun muss, sondern dass ich so bin wie ich eben bin, und dass das schon ganz in Ordnung ist. Das ist dann entweder die Stimme meines inneren Schweinehunds, der mir sagt, dass es auch in Ordnung ist, meine Zeit einfach zu vertändeln, oder die Stimme meiner Seele, die mir sagt, dass ich als Mensch nichts tuen muss, sondern tuen darf. Uns ist die freie Wahl gegeben, keinem Lebenswesen sonst auf dieser Erde in solch einer Weise wie uns Menschen. Das heißt natürlich nicht, dass das was wir tuen ohne Konsequenzen ist. Unsere Wahl ist immer voller Konsequenzen. Aber das ist das zweite Prinzip, das erste ist die Freiheit. Diese Freiheit gibt es jedoch nur, wenn wir den vielen Stimmen in uns ihren Platz geben, sie in ihren Rahmen verweisen und uns nicht von ihnen tyrannisieren lassen durch „wir müssen“,“ du musst“…

Und dann gibt es zum Glück auch noch die Momente, wenn alle Stimmen in uns verstummen. Zum Beispiel, wenn wir eine Musik hören, die uns tief im Inneren berührt, oder wir sehen etwas von solcher Schönheit, dass es schon fast wehtut, wir sehen den unermesslichen Sternenhimmel über uns oder blicken für einen Moment in das Auge eines anderen Menschen, ohne Schleier, ohne Verstellung, ohne Absicht… Dann gibt es nur diesen einen Moment, alles andere ist nicht mehr wichtig und alle Stimmen schweigen, und wir wissen mit Sicherheit, dass unter der Oberfläche unseres Lebens so viel mehr liegt, als wir glauben.

Ich wünsche all meinen Lesern viele dieser unbeschreibaren Momente.

 

Wer sind wir?

Wenn wir jemand fragen: „Wer bist Du?“, bekommen wir oft eine zur Frage nicht ganz passende Antwort wie z.B.: „Ich bin Sekretärin“ oder „Ich bin Student“. Das sind jedoch Antworten auf die Frage: „Was machst Du?“, nicht auf die Frage: „Wer bist Du?“

Dann gibt es die Kategorie von Antworten wie: „Ich bin Deutscher, ich bin Christ, ich bin Tierfreund…“. Auch das ist nicht richtig hilfreich auf die die Frage: „Wer bist Du?“  Es ist eine Antwort darauf, wo jemand geboren wurde, welcher Religion er angehört und was ihm wichtig ist.

Es ist aber auch nicht gerade einfach mit uns Menschen. Ein Hund ist ein Hund und eine Katze ist eine Katze, wir Menschen sind da etwas komplexer. Wir können uns heute wie ein Hund und morgen wie eine Katze verhalten.Wir können von 100.000 uns möglichen Dingen 50 Dinge auswählen oder 1000o oder auch gar nichts. Nichts hindert uns daran, jetzt ein Gedicht zu schreiben, ein Lied zu singen oder ein Bild zu malen, außer vielleicht unsere eigene Psychologie.

Der Satz: „Ich bin auch nur ein Mensch“ kommt oft von dieser Psychologie. Denn wir Menschen sind in Wahrheit die am höchsten entwickelten Lebewesen hier auf diesem Planeten. Wir benehmen uns oft nicht so und fühlen uns nicht unbedingt danach. Jedoch wir sind ohne Zweifel dem Schöpfer am nächsten! Denn auch wir können Dinge erschaffen und gestalten. Ohne uns gäbe es hier keine Mathematik, keine Sprache, keine Philosophie, keine Kunst, keine Musik, kein Gärten…

Nur wir Menschen haben die Idee von etwas Höherem, von Gott, Liebe, Moral, Anstand und Religion, die Sehnsucht nach einer besseren Welt und möglicherweise sogar eine Vision davon. Nur wir haben die Möglichkeit freier Wahl und höherer Einsicht – die Möglichkeit bewusst zu werden und zu sein.

Nur wenn wir uns als Menschen definieren schließen wir das ganze uns gegebene Potenzial mit ein. Ein Potenzial, das uns gegeben wurde, welches wir jedoch nur nutzen können, wenn wir es erkunden, damit arbeiten und uns freudig der damit verbundenen Aufgabe stellen: Wir sind Menschen, aber wir wissen noch nicht so ganz richtig, was das heißt und was der Sinn davon ist. Das herauszufinden ist unsere erste Aufgabe. Um diese Aufgabe zu erfüllen, brauchen wir unser ganzes – teilweise noch nicht erwecktes – Potenzial. Alles um uns herum ist schon entwickelt, wir noch nicht.

Wenn wir uns nicht als Mensch definieren, besteht die Gefahr, dass tierische, perverse und unmenschliche Dinge von uns Besitz ergreifen. Diese Dinge können uns ein Gefühl von Macht und Überlegenheit geben, aber sie verstellen uns den Weg zum wirklichen Menschsein und bringen Grausamkeit und Elend in die Welt.

Vielleicht fängt der Weg zum entwickelten Menschen damit an, dass wir dankbar sind für all das, was uns gegeben wurde und betrachten nicht alles als selbstverständlich und als hätten wir ein Recht auf diese Dinge. Dieser Planet versorgt uns mit allem, was wir brauchen, die Sonne gibt uns Wärme und Energie, die Blumen blühen zu unserer Freude…wir müssen uns das nicht kaufen oder verdienen. Dankbar dafür zu sein erscheint mir ein guter Start zu sein.